Legende um die Entstehung des Wudangstils und des Taichichuan

Zur Zeit der nördlichen Song-Dynastie (960-1127) waren die Menschen in den Wudang-Bergen ständigen Gefahren durch wilde Tiere, Räuber und Plünderer ausgesetzt. Die Daoisten lebten stets in Unruhe und Furcht vor neuen Angriffen.

Es gab unter ihnen einen Daoisten, der bereits mehr als 100 Jahre zählte. Sein Name war Zhang Sanfeng. Er wollte unbedingt eine Methode finden, mit der man die Klöster gegen Räuber und wilde Tiere verteidigen konnte, damit die Daoisten in aller Ruhe ihren daoistischen Übungen nachgehen könnten. Doch auch nach langen und intensiven Überlegungen konnte er keine Lösung finden.

Eines Tages – Zhang Sanfeng saß gerade im Hof und ruhte sich aus – sah er plötzlich auf einem Kirschbaum zwei Lichter aufleuchten, eines weiß, eines bunt. Sie schillerten bunt und wunderschön. Als er genauer hinsah, entdeckte er, daß es eine Schlange und eine Elster waren, die sich in einem spielerischen Kampf gegenseitig herausforderten. Der Leib der Schlange war um den Baum gewickelt, nur ihr Kopf lugte weit hervor und schwang hin und her und ihre Augen funkelten. Ihre Bewegungen waren lautlos, doch so imposant wie die eines Drachens und gaben einem das Gefühl einer unbezwingbaren Kraft. Die Elster stand auf einem nahegelegenen Ast und beobachtete die Schlange mit leicht geneigtem Körper. Scheinbar wollte sie sich annähern, doch getraute sie sich nicht. Ihr Schnabel war zum Angriff geöffnet und sie schlug mit ihren schönen Flügeln, so graziös wie ein Phönix.

Dieses Spiel des Drachen und des Phönix war von großer Anmut und Geschicklichkeit: Das Weiche besiegt das Harte und die Ruhe überwindet die Bewegung. Ständig veränderten sich ihre Bewegungen, so daß schließlich jeder den anderen so weit brachte, daß er wehrlos war.

Je mehr Zhang Sanfeng ihnen zusah, desto faszinierter war er. Plötzlich hörte er, wie die Schlange und die Elster gleichzeitig ausriefen: „Komm mit, komm!“ und hoch in die Lüfte emporstiegen. Und siehe da, Zhang Sanfeng flog hinfort und jagte ihnen hinterher, immer weiter und weiter. Er merkte gar nicht, daß er in das Innere eines Berges gelangte, sah nur, daß der Berg ganz aus Gold und die Bäume aus weißer Jade waren, im Fluß floß gar flüssige Jade, und auf dem Berg liefen goldene Rinder und goldene Pferde.

Am Rande des Flusses übte ein alter Mann mit weißem Haar gerade seine Faustform. Plötzlich flogen die Schlange und die Elster in seinen Schoß, und verwandelten sich in einen prachtvollen Drachen und einen wunderschönen Phönix auf seinem gelben Gewand.

Der alte Mann war ein Weiser der Wudang-Schule. Die Bewegungen des weisen Mannes ähnelten stark denen des Spiels von Drache und Phönix: Ruhig wie der Taishan und weich wie eine Frühlingsweide; doch ist in dem Weichen das Harte und in der Ruhe die Bewegung enthalten, aber sie treten nicht zum Vorschein. 100 Veränderungen und 10 000 Wandlungen, je mehr man hinschaut, desto mehr spürt man die Kraft und Geschicklichkeit, die Berge einebnen und im Meer versenken, Drachen einfangen und Tiger bezwingen kann. Zhang Sanfeng bat den Alten um Unterweisung. Der Alte war darüber sehr glücklich und erzählte ihm, daß er diese Faustform auf Grundlage des „Spiel der 5 Tiere“ von Hua Tuo entwickelt und sie „5 Elemente Faustform der Wudang-Berge“ genannt hat. Durch sie könne man sich verteidigen und Gesundheit erlangen, man könne die 100 Krankheiten fernhalten und das Leben verlängern. Er hoffe sehr, daß Zhang Sanfeng sie fleißig lerne und übe.

Zhang Sanfeng nickte mit dem Kopf und willigte ein. Sofort begann er mit dem Training, er lernte eine Form nach der anderen, bis er sie schließlich alle beherrschte. Als er aufwachte, merkte er, daß er nur geträumt

Nun, da ihm die Form im Traum zuteil geworden war, unterrichtete Zhang Sanfeng täglich die Daoisten in der Faustform. Auch er selbst übte ohne Unterlaß, bis er im eiskalten Winter nicht mehr fror und im heißen Sommer nicht mehr schwitzte. Allmählich wurde durch das Üben sein silberergrautes Haar schwarz, die Falten auf seinem Gesicht verschwanden und es wuchsen ihm sogar neue Zähne. Er lernte Löwen und Tiger zu bezähmen und wurde wieder vom Alten zum Kind.

So kehrten wieder Ruhe und Frieden in dieWudang-Berge zurück.

Schließlich verbreitete sich der Wudang-Stil immer weiter und wurde zu einem der großen Kampfkunststile Chinas.

(Übersetzung von Marianne Herzog aus dem Chinesischen aus: „Legenden der Wudang-Berge“, 1992).

Wie auch in dieser Geschichte, entstanden tatsächlich viele der chinesischen Kampfkünste in den Klöstern, die sich in ihrer Abgeschiedenheit gegen unliebsame Gegner behaupten mußten.
Im Taichi der Wudang-Berge verkörpert sich das Prinzip von „Weich besiegt hart“ und „Ruhe überwindet Bewegung“ und sein Anblick ruft das Bild von Phönix und Drachen in ihrem ästhetischen Kampf in uns wach. Trotz aller Weichheit und Schönheit besitzt der Wudang-Stil eine hohe Effizienz ohne Schnörkel und falsche Tricks. Alle Bewegungen sind anwendungsbezogen und das Training ist hart.