Xingyiquan – die oft vergessene Kampfkunst
(von Jo Augustin, 07.07.2015)

Das Xingyiquan gehört zu den drei traditionellen inneren Kampfkünsten und führt in der Kampfkunstwelt ein Schattendasein. Sicherlich gibt es einige Neijia Künstler, die das Xingyiquan noch nie gesehen oder gar gespürt haben. Ein Zustand, der dem Xingyiquan nicht gerecht wird.
Es gibt sehr viele Inhalte, die das Taijiquan, das Baguazhang und das Xingyiquan verbinden und zwar mehr, als es oft äusserlich betrachtet den Anschein macht. Für sich betrachtet, sind die Methoden des Xingyi, die Strategie der Anwendungen sowie die Yangsheng-Aspekte (Gesundheitspflege) weitere Möglichkeiten, die innere Kraft zu kultivieren . Dieser Weg kann für sich stehen, ist aber eigentlich ein ergänzender Weg zu den beiden anderen inneren Kampfkünsten, Taijiquan und Baguazhang. Auf jeden Fall ist es ein weiterer Schatz der Daoisten und ein Geschenk an die Kampfkunstwelt. Mit diesem Artikel möchte ich einen Beitrag leisten, Xingyiquan aus dem Schattendasein zu befreien. Ich werbe dafür, dass es sich für die eigene Selbstkultivierung und das Weiterkommen lohnt, sich mit dieser oft vergessenen Seite der inneren Kampfkunst zu befassen.

Wie kann man Xingyiquan aber mit wenigen Worten beschreiben? – Um ein Bild zu schaffen, wie sich die Strategien der drei Künste voneinander unterscheiden, fällt mir die „Haus“-Analogie ein und die verschiedenen Strategien, in dieses Haus einzudringen bzw. die Mitte des Antagonisten zu finden. Der Taijiquan Kampfkünstler findet ganz sanft mit viel Geduld geräuschlos einen Weg durch die Hintertür, um in das Haus zu kommen. Für den „Hausherren“ sollte dies so angenehm wie möglich sein, so dass wir uns fast eingeladen fühlen dürfen. Der Baguazhang Künstler klettert durch das Seitenfenster in das Haus. Durch die zirkulären spiralige Bewegungen und eine schnelle geschickte Beinarbeit erarbeitet er sich einen Vorteil und gelangt hinein. Der Xingyiquan Künstler tritt die Vordertür ein um in das Haus zu gelangen. Mit dem „Gefummel“ an der Hintertür oder den vielen Bewegungen hält er sich nicht lange auf. Er verfolgt sein Ziel unmittelbar auf scheinbar geradem Wege. Das Bild vom Haus beschreibt sehr gut, welche Schwerpunkte bei den unterschiedlichen aber auch sich ergänzenden Strategien zum Tragen kommen. Die Xingyiquan Kraft ist eher geradlinig und gebündelt. Die Baguazhang Kraft ist spiralig und wendig. Die Taiji Kraft ist überall.

Das Xingyiquan besteht im Wesentlichen aus fünf Techniken, die den fünf Xingyi-Kräften sowie den fünf Elementen und Organentsprechungen zugeordnet sind: Pi Quan ist die spaltende Kraft, stärkt das Lungen Qi und wird dem Metall zugeordnet. Die Bewegung des Pi Quan beinhaltet eine Fülle von Informationen, die das Xingyiquan nahezu komplett repräsentieren. Beng Quan, die berstende Kraft, nährt das Leber Qi und ist dem Holz Element zugeordnet. Zuan Quan, die bohrende Kraft, nährt das Nieren Qi und ist dem Element Wasser zugeordnet. Pao Quan ist die explodierende Kraft (auch Kanonen Faust genannt) und nährt die Herzenergie und repräsentiert das Element Feuer. Heng Quan ist die quere Kraft, die die Mitte nährt und für das Element Erde steht.

Werden diese fünf Grundtechniken mit entsprechender Schrittarbeit kombiniert, entsteht die bekannte Linking Form (neudeutsch: die fünf Kräfte und Bewegungen werden verlinkt).
Um das Xingyiquan anpassungsfähiger und wandlungsfähiger zu machen, wurden die Tierformen erarbeitet, die das Xingyiquan in jeder Hinsicht ergänzen und komplettieren. Im Wudang Pai gibt es 12 Tierformen, in denen der Charakter des jeweiligen Tieres mit dem Xingyi verbunden wurde. Es sind der Drache, der Tiger, das Pferd, der Affe, der Hahn, das Krokodil, die Schwalbe, der Laufvogel, die Schlange, der mystische Vogel, der Adler und der Bär.

Hat der Xingyi-Adept die Kraft entdeckt und kultiviert und bringt sie in die Bewegungen ein, wird das Xingyiquan eine sehr kraftvolle Methode. Das Xingyiquan kann auch in späteren Lebensjahren begonnen werden um in den Genuss der nährenden Xingyi Methoden zu kommen.

Welche Brücken kann das Xingyiquan für die anderen inneren Kampfkünste bauen? – Es gibt hier wie generell bei den inneren Künsten eine ganze Fülle von Aspekten. Ich möchte einen Punkt herausgreifen, der nach meinen Erfahrungen oft zu Problemen und Missverständnissen führt: das Fa Jin. Das Xingyiquan beinhaltet sehr gute Methoden, um das Fa Jin von Grund auf zu verstehen und zu üben, sodass es nach meiner Erfahrung der Weg über das Xingyi leichter fällt, diese Qualität zu erarbeiten und z. B. im Taijiquan zu integrieren.

Abschließend möchte ich mit einem oft gehörten Vorurteil aufräumen. Von außen betrachtet könnte man auf die Idee kommen, dass die kraftvollen Methoden gegenüber dem weichen Taijiquan eher hart sind. Dies ist natürlich von „innen“ gesehen nicht der Fall. Wie alle inneren Kampfkünste bedarf das Xingyi ein sehr tief eingedrungenes Song, also körperliche wie geistige Entspannung sowie ein stilles und „großes“ Herz.

Das beste Beispiel hierfür ist mein Lehrer und Meister Tian Liyang aus Wudangshan in Zentralchina. Er ist Hauptvertreter in der 15. Generation der Wudang Pai Linie und Daoist mit Leib und Seele. Ein so „weicher“ Mensch wie Meister Tian, der annähernd 20 Jahre in allen Aspekten der inneren Kampfkünsten ausgebildet wurde, ist mit der großen und teilweise grob wirkenden Kraft des Xingyiquan nur schwer in Verbindung zu bringen. Jeder, der Meister Tian bereits in Seminaren oder in China kennengelernt hat, wird dies bestätigen können.

Aber dies schreibt sich so einfach. Und wie bei jeder anderen inneren Kampfkunst ist es unerlässlich, die Qualität des Xingyiquan am und im eigenen Körper zu spüren. Meister Tian mir aufgetragen, diesen Schatz des Wudang Pai zu kultivieren und in die Welt zu tragen. Somit habe ich die Gelegenheit beim Drachen & Tiger Treffen genutzt und ich habe es genossen, die oft vergessene Kunst des Xingyquan mit vielen Interessierten zu praktizieren. Ich hoffe, ich konnte auf diese Weise die Qualitäten begreifbar machen und freue mich, wenn dieser „Keimling“ wächst und sich bei der ein oder anderen zukünftigen Gelegenheit weiter prächtig entwickelt. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass das Xingyquan nicht nur der Selbstkultivierung sondern auch der Entwicklung der anderen inneren Kampfkünste zugute kommt.

Jo Augustin aus dem Wuguan in Mülheim (www.wuguan.de)
16. Generation Wudang Pai