Tian Liyang und Marianne HerzogMeine erste Reise in die Wudangberge war im Jahre 1993. Damals ahnte ich noch nicht, dass auch heute, 20 Jahre später, die Wudangberge und Meister Tian Liyang eine so zentrale Rolle in meinem Leben spielen würden.

Ich arbeitete damals in Changsha  in einem deutschen Lebensmittelprojekt. Mein Chinesisch-Übersetzerdiplom hatte ich in der Tasche und Taichi war auch schon zu jener Zeit meine große Leidenschaft.

Zusammen mit meinem damaligen deutschen Chef haben wir uns eines Abends den Film „Die Tochter des Meisters“, der in den Wudangbergen spielt angeschaut. Die Schönheit der Landschaft, die Ausstrahlung der Tempel und die gesamte Atmosphäre dieser heiligen Bergregion ließen eine innere Stimme in mir anklingen. Ich wusste:  „Da will ich hin“.

Bei der nächsten Gelegenheit habe ich die Koffer gepackt. Zusammen mit meiner japanischen Freundin Chiho  haben wir Tempel besucht, sind gewandert, haben uns mit Mönchen,  Nonnen und Einsiedlern unterhalten. Auch wenn unsere  Zeit in den Wudangbergen nur sehr kurz war, so ist der Geist der Wudangberge tief in mich eingedrungen. Die Gesänge der Nonnen und Mönche, die von den besten Fengshui Meistern Chinas gebauten Tempel, die sich harmonisch in die Landschaft einschmiegen, die Berge und uralten Steinpfade…

Später erfuhr ich, dass die Wudangberge auf einem Breitengrad mit den ägyptischen Pyramiden, dem Bermudadreieck und den Inka Tempeln liegen. Diese unglaubliche Ausstrahlung ergriff auch mich.  Jeden Mönch, jede Nonne habe ich gefragt, wo man das legendäre Taijiquan der Wudangberge erlernen könne. Damals gab es dort noch kaum Tourismus, eine Handvoll kleiner Kampfkunstschulen und nur sehr selten westliche Schüler. So konnte  mir niemand  Auskunft geben, „Ja es gäbe jemanden beim Tempel, aber der sei gerade nicht da“,  „Ja, man hätte gehört, da würde jemand praktizieren, aber…“

Nur 2 Stunden vor unserer Abreise bekamen wir  den Tipp einmal zur Sanfeng  Schule zu gehen (Sanfeng Wuguan). Wir kamen dort an, ein großer leergefegter Platz, nachmittägliche Hitze, ein Raum mit einer Pritsche, sonst nichts.

Wir weckten Meister Tian, damals erster Trainer der Sanfeng Schule,  aus seinem Mittagsschlaf. Er war sofort unglaublich präsent. Von ausgesuchter Höflichkeit lud er uns ein, in sein karges Zimmer einzutreten, besorgte uns Stühle und bot uns von seiner knallorangen, zuckersüßen  Limonade an, eine unglaubliche Großzügigkeit, wie ich sofort begriff. Auch Meister Tian erinnert sich heute noch daran.

Und dann erzählte er uns von den Prinzipien des Taiji, von Yin und Yang, von der Geschichte des Taij der Wudangberge, von Zhang Sanfeng.  Dabei drehte er eine schwere Steinkugel von der Größe eines Fußballs. Ich war beeindruckt  von der Ästhetik seiner Bewegungen, von der Elastizität und Spannkraft seines Körpers, aber auch von  seinen weisen, tiefgründigen Worten, seiner Bescheidenheit und Zurückhaltung.

Tief bewegt verließen wir kurz darauf die Wudangberge. Mit dem Zug ging es zurück nach Changsha, langsam verschwanden die Berge, doch sie blieben zurück in meinem Herzen.

Nicht lange danach begann ich Reisen in die Wudangberge zu Meister Tian zu organisieren. Seit 1999 lade ich Meister Tian regelmäßig nach Deutschland und Europa ein, organisiere und dolmetsche seine Workshops.

Meine Verbundenheit mit dem Wudangstil und Meister Tian  ist weiter gewachsen, wie ein Baum mit tiefen Wurzeln und einer breiten Krone. Das Verhältnis von Meister Tian und mir ist in all den Jahren geprägt von großem gegenseitigem Respekt, Vertrauen, einer tiefen Verbundenheit und Freundschaft sowie dem gemeinsamen Ziel die Kultur des Wudangstils möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen.

von Marianne Herzog, Betreiberin dieser Homepage

 

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Workshops mit Meister Tian Liyang

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