Die Teilnehmer des Seminars schauen betreten zu ihren Nachbarn, dann zur Decke oder aus dem Fenster. Was sie da gerade gehört haben, das kann doch wohl nicht wirklich ernst gemeint sein. Sie sind doch hergekommen, um sich im Taijiquan zu üben, über Wandel und Balance von Yin und Yang zu erfahren, loslassen zu lernen, ihr Qi zu wecken oder sich in den Kampfkünsten zu verbessern. Und nun hat man sie gerade aufgefordert zu singen, gemeinsam, ein Lied. Die Dolmetscherin unterhält sich kurz mit dem chinesischen Lehrer, der in seiner daoistischen Kutte aussieht, als sei er einem historischen Film über chinesische Kampfkünste entsprungen. Sogar ein Haarknoten wird von einer silbernen Nadel gehalten.

Dann wiederholt sie ihre Aufforderung, selbst zunehmend unsicher: „Der Meister wünscht, dass ein Lied gesungen wird. Was wollen wir singen?“  Es ging dann noch ein bisschen hin und her, doch nach einigen Minuten des Widerstandes wurde schließlich ein Lied gesungen, zögerlich, kraftlos, uninspiriert.

Dies geschah vor 10 Jahren während einem der ersten Besuche von Meister Tian Liyang, der gekommen war, um hier in Deutschland die alte und fast verschollene geglaubte Tradition der Inneren Kampfkünste aus den Wudangbergen zu unterrichten. Mittlerweile findet das verlegene Umherschauen nur noch bei Neueinsteigern statt, die dann aber schnell in die einzelnen Stimmlagen integriert werden und es hat sich schon fast eine Art Chor gegründet. Des Meisters einfache Erklärung: Singen schafft gute Laune, also gutes Qi, und die Teilnehmer atmen mal tief ein und aus, also eine wunderbare Qi (Atem)-Übung. Und sie funktioniert!

Der Ruhm der Wudang Kampfkunst ist zurückzuführen auf seinen Begründer, den berühmten Daoisten Zhang Sanfeng, der in den Wudangbergen lebte und dort das Taijiquan entwickelte. Um Zhang Sanfeng und die Entstehung des Taijiquan ranken sich zahlreiche Legenden und der wahre Begründer des Taijiquan war lange historisch nicht nachzuweisen. In letzter Zeit werden jedoch in China vermehrt historische Quellen zutage gefördert, die seine geschichtliche Rolle belegen.

Es wird erzählt, dass Zhang Sanfeng eines Nachts einen Traum hatte, in dem ihm von der höchsten Gottheit der Wudangberge, Zhenwu, die Wudang-Kampfkunst vermittelte wurde. Diese plötzliche Erkenntnis wurde ihm nach langer Praxis der Kampfkunst und intensivem Üben der Inneren Alchemie zuteil. Zhang Sanfeng war ursprünglich ein Meister des Shaolin Kungfu, doch er empfand es als zu hart und sah darin viele Schwachpunkte, die von Gegnern ausgenutzt werden könnten. Außerdem sei der Shaolinstil der Gesundheit nicht in ausreichendem Maße zuträglich. Deshalb legte Zhang Sanfeng die Methoden des Shaolin ab und entwickelte die Innere Kampfkunst des Wudang, diesen großen Kampfkunststil, der dem Shaolinstil in seinem Ausdruck vollkommen entgegengesetzt ist. Zhang Sanfeng wünschte sich, dass alle großen Kampfkünstler des Landes Gesundheit und ein langes Leben erlangen und ihre Künste nicht nur im Kampf einsetzen sollten. Ihm zufolge ist es besser, im Inneren den Geist zu nähren und äußerlich seinen Körper zu hegen, seine Essenz (Jing), Qi und Geist (Shen) zu sammeln, um ein langes Leben zu erreichen. Der Wudangstil  beruht auf folgenden Prinzipien: „das Weiche besiegt das Harte“, „Ruhe besiegt die Bewegung“, „4 Unzen bewegen 1 Tonne“ und ist zudem sehr gut für Körper und Geist.

Während der Kulturrevolution war die Ausübung der Kampfkünste verboten, sie wurden daher nicht mehr öffentlich praktiziert. Nach ihrem Ende wurde zu Beginn der 80er Jahre in der Stadt Taiyuan der Provinz Shanxi ein Treffen zum Austausch der Kampfkünste abgehalten. Dort wagten es einige zum ersten Mal, sich wieder öffentlich zu zeigen. Besonders erwähnenswert für den Wudangstil ist in diesem Zusammenhang Jin Zitao, der von Li Helin, einem Schüler des legendären Xu Benshan, unterrichtet worden war, der viele Jahre in den Wudangbergen lebte und wirkte und im ganzen Land berühmt war. In Folge gaben sich viele Kampfkünstler der Wudang-Schule, die größtenteils im Volke untergetaucht waren, zu erkennen und brachten Stück für Stück dieses große Kulturerbe in die Wudangberge zurück.

Es dauerte noch einige Jahre, bis diese bis dahin nur im Geheimen tradierte Kunst für jedermann zugänglich wurde. Im Jahre 1999 kam Meister Tian Liyang, der in den Wudangbergen als einer der Hauptrepräsentanten des Wudangstils gilt, zum ersten Mal nach Deutschland. Sein Name gibt seine Stellung innerhalb der Linie wieder, Tian ist sein Geburtsname, Li die Bezeichnung der 15ten Generation der Xuanwu-Schule (der klösterlichen Tradition des Wudangstils) und Yang bedeutet, dass er der erste Meisterschüler seines Meisters You ist.

Eines von Meister Tians Hauptanliegen ist der Erhalt des Wudangstils als einer ganzheitlichen, daoistischen Kampfkunst, die alle inneren Stile – Taijiquan, Baguazhang und Xingyiquan in sich vereint. Besonders wird dies im Push Hands erkennbar, das als Kampfkunstaspekt aller 3 Inneren Kampfkünste betrachtet wird. Neben den Anwendungen werden auch innere daoistische Übungen wie z.B. die des Himmlischen Kreislaufs, der 6 heilenden Laute, verschiedene Pfahlübungen, Qi (=Atem)-Übungen oder Übungen für unsere Vorstellungskraft vermittelt. Wichtig sind außerdem die Charakterschulung im klassischen Sinn, medizinische Grundkenntnisse und vor allem die daoistische Philosophie, die Grundlage aller Inneren Kampfkünste.

In China lernt man ganz anders als im Westen über viele Monate oder Jahre nur Grundübungen, bevor man mit dem Erlernen von Formen beginnt. Hat man die Grundlagen erst einmal wirklich verinnerlicht, so ist das Erlernen einer Form nicht mehr schwierig. Gleichzeitig werden körperliche Fitness, Beweglichkeit und Geschmeidigkeit trainiert. Erst dann haucht man den Bewegungen Seele ein, sie werden ästhetisch und anmutig.

Meister Tians Schüler leben in seiner Schule in China wie in einem Internat. Die Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens, des Teilens von Freud und Leid, des täglichen gemeinsamen Übens über Wochen, Monate und Jahre, ist ein sehr wesentlicher Bestandteil in der wichtigsten Lektion auf dem inneren Weg, dem „Loslassen“. Nur in einer Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens, in der ernsthaft geübt wird, aber auch gelacht werden darf und soll, lockern sich Körper und Geist und man „lässt los“. „Natürlichkeit“ (Ziran), eines der höchsten daoistischen Prinzipien, ist hier keine leere Phrase, sondern begreifbar und erspürbar.

So entstand die Idee zu einem wirklich langen Seminar auch in Deutschland. Das Seminarhaus Proitzer Mühle, das inmitten der Einsamkeit der Lüneburger Heide und des Wendlandes liegt, wo Natur Natürlichkeit bewirkt und wir mit der daoistischen Philosophie in Einklang leben können, ist ein idealer Ort zur Verwirklichung dieser Idee.

Meister Tian liebt die gute Luft, das gute Qi in Deutschland, und so machen wir des Öfteren morgens gemeinsam einen Spaziergang, um Qi aufzunehmen, unsere Körper zu reinigen und das Blut und das Qi zum Fließen zu bringen. So einfach kann diese manchmal so kompliziert klingende Lektion – „Reines Qi aufnehmen“ sein.

Beim Erlernen des Kleinen Himmlischen Kreislauf werden wir von der Kraft der Gruppe getragen, wenn wir 2 Stunden lang auf immer schwerer werdenden Füßen stehen, um nach einer intensiven Reinigungsphase Qi in uns aufzunehmen, den sich im Dantian bildenden Qiball zu erspüren und  ihn dann auf der Du und der Ren Leitbahn durch den Körper kreisen zu lassen. Und dabei immer lächeln und ein gutes Gefühl bewahren! Danach sind wir ziemlich erschöpft, manchmal wütend, die Emotionen schlagen hoch – unsere „Essenz“ ist verbraucht, da wir – noch relativ „Qi“-los – zuviel „Geist“ in diese Übung investiert haben. Eine tiefgreifende Erfahrung, zeigt sie uns doch, wohin der Weg gehen soll.

Am Abend eines langen Unterrichtstages sehnt man sich nach dem guten Essen, hat Spaß beim Tischtennisspiel mit dem unermüdlichen Meister, spielt Gobang, schwitzt in der Sauna oder schaut ein Video. Manche treffen sich aber auch noch in dem beeindruckenden ehemaligen Festsaal zum Üben oder einfach um sich auszutauschen. In der wohlverdienten Ruhe umfängt uns die tiefe Stille der Nacht, die uns herrlich schlafen lässt. Langsam begreifen wir, was „ganzheitlich“ bedeutet, und spüren die Leichtigkeit und Lebensfreude, die uns in den zahllosen Geschichten über Taijiquan immer so fasziniert hat. Viele sind nur für ein paar Tage da, einige kommen für die ganze Zeit, die Gruppen finden immer wieder schnell zueinander, neue Teilnehmer werden schnell integriert, denn es herrscht eine offene und freundliche Atmosphäre. Für diejenigen, die das Glück haben, das ganze, fast 3 Wochen lange Seminar mitzuerleben, ist es eine einmalige Erfahrung – das Gefühl, dem Dao ein bisschen näher zu sein.

Morgens geht es nach einem nahrhaften Frühstück weiter. Manchmal joggen wir durch den Raum, machen Dehnübungen bis wir denken, es geht nicht mehr und doch, der Körper ist danach entspannter, „losgelassener“, die Form läuft fließender, die Steifheit wird wieder aus dem Körper verdrängt. Und wenn die Anspannung steigt, die Köpfe rauchen, die Auffassungsgabe versiegt, dann spielen wir ein Spiel, lachen, kichern, sind albern, machen Pause auf dem roten Sofa.

Oder wir singen ein Lied! Und schon sind wir wieder „fang song“ – entspannt und losgelassen.

von Marianne Herzog und Michael Matern (www.michael-matern.de, s.a. Lehrerliste)

Die Autoren

Michael Matern ist Gründer des Zentrum für Taijiquan e.V. in Bielefeld und Gütersloh, zertifizierter Ausbilder für Taijiquan, Mitglied des Vorstandes des Taijiquan & Qigong Netzwerk Deutschland e.V. und Meisterschüler von Meister Tian Liyang, www.michael-matern.de

Marianne Herzog ist Dolmetscherin und Übersetzerin für Chinesisch, Tajiquan und Qigonglehrerin, sie organisiert und dolmetscht seit 1999 jährlich die Workshops mit Meister Tian Liyang in Deutschland und Europa, www.wudang.info

Erschienen im Netzwerkmagazin 2010

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